Gentests in der Tierzucht - ein Fortschritt?

Der Artikel basiert auf einem Vortrag, den Herr Prof. Dr. Epplen (Ruhr-Universität Bochum) am 5.11.06 auf der VDH-Zuchtwarttagung gehalten hat.

Bei herkömmlichen Zuchtmethoden dienen phänotypische Ausprägungen (z.B. Körpergröße, HD) als Grundlage der Anpaarungsentscheidung. Durch Umwelteinflüsse kann es zu Unterschieden zwischen dem Erscheinungsbild und dem, was der Hund/ die Katze vererbt, kommen: z.B. Pferde, die als Zwillinge geboren wurden, bleiben meist deutlich kleiner als sie sonst als Einling geworden wären. D.h. so ein kleines Pferd kann u.U. eine überdurchschnittliche Größe vererben. Außerdem besteht gerade bei Krankheiten oft das Problem, dass sie erst auftreten, wenn das Tier schon vielfach zur Zucht eingesetzt wurde (z.B. Alters-Star). Gentests bieten den Vorteil, dass man schon im Welpenalter für einige Merkmale weiß, was der Kandidat vererben kann (Welchen Welpen soll ich behalten?). Abgesehen von Krankheiten ist das z.B. auch für Fellfarben interessant.

Was ist der biologische Hintergrund eines Gentests? In den Körperzellen kommt jedes Gen in doppelter Kopie vor (eine vom Vater, die weitere von der Mutter). Die Allele eines Gens werden oft mit Groß- bzw. Kleinbuchstaben bezeichnet, je nachdem, ob sie dominant (A) oder rezessiv (a) wirken. Da jeweils 2 Allele vorhanden sind, können für ein Gen (hier: Krankheit bedingt durch ein rezessives Merkmal) der Genotyp AA (reinerbig gesund), Aa (gesunder Träger) oder aa (krank) vorliegen. Jedes Allel wird mit 50 prozentiger Wahrscheinlichkeit an die Nachkommen weitergegeben. Somit können aus der Verpaarung von zwei reinerbig gesunden Tieren nur reinerbig gesunde hervorgehen. Zur sicheren Vermeidung von kranken Tieren müssen sowohl die Träger als auch die kranken Individuen an reinerbig gesunde Tiere angepaart werden (s. Abb).

Vererbungsschema

Beim direkten Gentest ist sowohl das verantwortliche Gen als auch die interessierende Mutation bekannt. Somit kann durch die Analyse der DNA festgestellt werden, ob das Tier rein- oder mischerbig die Mutation trägt oder sie gar nicht besitzt. Es können Aussagen mit praktisch 100 prozentiger Sicherheit gemacht werden, ob ein Tier krank werden wird, gesunder Überträger oder reinerbig gesund ist. Wenn dagegen das verursachende Gen noch nicht bekannt ist, kann u.U. ein indirekter Test durchgeführt werden. Dabei wird ein sog. Marker getestet, der in unmittelbarer Nähe zum krankheitsauslösenden Abschnitt liegt. Diese Nähe führt dazu, dass das Allel des Markers und das Allel des interessierenden Gens fast immer gemeinsam vererbt werden. Bei wenigen Tieren kann es aber theoretisch Abweichungen (durch sog. Rekombination) geben, so dass es statistisch nicht zu 100% richtigen Vorhersagen bezüglich Krankheitsausbruch kommt.

Zusammenfassung der Vor- und Nachteile von Gentests:

Vorteile:

  • Bereits Welpen können getestet werden
  • Träger + kranke Exemplare können bei entsprechender Anpaarung in der Zucht verwendet werden
  • Regressansprüche aufgrund des neuen Kaufrechts werden vermieden (bei entsprechender Anpaarung werden keine kranken Tiere „produziert“ bzw. Käufer können vorgewarnt werden)
  • Manche Krankheiten (z.B. Taubheit beim Dalmatiner) können sowohl als Erbkrankheit auftreten als auch erworben (Infektion) sein. Da nichts dagegen spricht, einen Hund mit einer durch eine Infektion erworbenen Taubheit zur Zucht zu verwenden, und ein Gentest Klarheit über den Vererbungsstatus bringen kann, kann unnötiger Zuchtausschluss vermieden werden

Nachteile:

  • Beim indirekten Test kann es in seltenen Fällen zu falschen Aussagen hinsichtlich Mutationsstatus des interessierenden Gens kommen
  • Ein Gentest muß für die jeweilige Rasse entwickelt werden und ist daher meistens nicht ohne weiteres auf andere Rassen übertragbar

Gentests werden die traditionelle Zuchtauswahl höchstwahrscheinlich niemals ersetzen, stellen aber bereits heute eine z.T. wertvolle Ergänzung dar. Daher sollten Sie nicht nur bereits etablierte Tests anwenden, sondern auch die Entwicklung neuer Gentests unterstützen. Aktuelles Beispiel dafür ist die Black Skin Disease (BSD) beim Spitz.

Glossar

Phänotyp äußeres Erscheinungsbild / Merkmal (z.B. Schulterhöhe 50 cm)
Genotyp ein Allel-Paar, ein Chromosomenabschnitt oder die Gesamtheit der im Zellkern verankerten Erbanlagen
Allele Variationen eines bestimmten Gens (z.B. für die verschiedenen Farbgene; albino bei dunklem Farbstoffmangel [Melanin] = mutiertes Allel)
Mutation vererbbare Veränderung eines Gens; kann sich im Wandel des entsprechenden Merkmals niederschlagen kann, muss aber nicht zwingend, z.B: bei rezessiver Genwirkung
Träger äußerlich ist dem Tier nicht anzusehen, dass es ein rezessiv wirkendes Allel in sich trägt, kann es aber natürlich vererben